FIVE of 10
Tag 5 – Von Ell nach Brüssel
Das waren heute ganz schön viele Emotionen auf so einen kleinen Tag. Ein Reisetag, wie man ihn nicht möchte – aber wie er nun mal passieren kann. Stark angefangen und stark nachgelassen.
Ich bin wieder vor dem Wecker wach, aber diesmal ziemlich ausgeruht. Es ist schön hier, im Nirgendwo. So ruhig. Meine Unterkunft ist – oder besser gesagt war – auf einem kleinen Hof, sehr ländlich und wirklich mit viel Liebe hergerichtet. Hier wäre ich gerne noch einen Tag geblieben. Aber nützt ja nichts. Geplant ist geplant. Irgendwann fahre ich mal ohne Plan los und schau einfach, wo ich lande – aber so mutig bin ich gerade noch nicht.
Wilma rollt über glatte Radwege, an einem Kanal entlang und durch Wälder – ganz unauffällig nach Belgien. Kein Schild weist darauf hin, nur mein Telefon gibt mir die Roaming-Info. Mir fällt auf, dass sich in ziemlich vielen Gärten Rehe befinden – neben Schafen und Alpakas. Das ist schon eine wilde Mischung. Belgien kann was. Wunderschöne, glatte Straßen, überall Radwege – so macht das Spaß.
Bis mir mein Garmin die erste Fehlermeldung gibt. Ich drücke sie weg. Kurze Zeit später ist sie wieder da: Routenfehler. Prima! Ich starte neu. Und wieder. Eine Weile ziehe ich es durch, bis ich beschließe, dass es keinen Sinn hat, und fange an, mich mit dem Smartphone zu navigieren. Zum Glück habe ich den Adapter mitgenommen und befestige das Gerät jetzt am Lenker. Hält.
Weiter geht’s – natürlich immer noch mit Gegenwind, vielleicht sogar noch ein bisschen mehr als gestern. Aber heute sind es nur 140 km.
Niesel... Echt jetzt? Reicht der Wind nicht? Eine Weile betreibe ich das Jacke-an / Jacke-aus-Spiel, bis ich keinen Bock mehr habe und die Jacke einfach anlasse. Dann schwitze ich halt..
Eine Nachricht von Mama auf meinem Telefon: Wie weit bist du? Du bummelst heute ganz schön...
Ich bummel nicht!, denke ich mir... Ich komme durch den Wind einfach überhaupt nicht voran – aber das weiß sie ja nicht. Trotzdem bin ich ein bisschen sauer über die Aussage. Bummeln... Niesel... Jetzt wird auch noch die Straße schlecht und stark befahren. Es schüttet.
Wie schnell das alles kippen kann.
Ich kämpfe mich durch den Regen. Autos und LKWs donnern an mir vorbei, ich bin komplett nass und genervt. Der Wind wird gefühlt immer stärker und ich immer wütender. Jetzt steigt auch noch die Navigation per Telefon komplett aus – der Regen drückt alle "Tasten" auf einmal und es geht gar nichts mehr.
Rechts ran - nur weg. Ich biege sehr spontan in einen Waldweg ab und mache Halt. Schmeiße Wilma an einen Baum und stehe heulend im Regen. Ist sowieso egal – ist eh alles nass.
Warum, frage ich mich. Warum tue ich mir das eigentlich an?
Ich weiß es nicht. Vielleicht ist das auch genau der Grund? Um in solche Situationen zu kommen. Um nicht zu wissen was passiert. Um die Wut an Ort und Stelle einfach mal gegen einen Baum zu schreien. Das kann man im Alltag eher weniger.
Muss man dafür aber Hunderte Kilometer Radfahren? Auch das weiß ich nicht. Ich – vielleicht schon.
Nachdem mein kurzer mental breakdown vorüber ist, sitze ich auch schon wieder auf Wilma und fahre dieselbe schlechte Straße im Regen, mit Gegenwind und nervigen Autos weiter. Aber jetzt bin ich damit okay.
Irgendwann hört der Regen auf und die Straßen werden wieder schön. Nur der Wind, der bleibt.
Entlang schnurgerader Kanalstraßen rolle ich nach Mechelen – ein kleiner Ort vor Brüssel und ein wirklich schönes Städtchen. Kurze Sightseeing-Tour über den Markt und ein kurzer Stopp bei Peloton de Paris, um mir ein Souvenir mitzunehmen.
Ich fahre weiter – und jetzt wird es auch noch mal richtig warm. Und wieder Niesel. Aber das ist mir jetzt auch egal, die Regenjacke bleibt aus.
Beim schönsten Sonnenschein und ohne Wind, als wäre nie etwas gewesen, fahre ich nach Brüssel ein und bis zum Hotel Dieses werde ich heute – bis aufs Essen – auch nicht mehr verlassen. Morgen gönne ich mir einen Tag off und vielleicht erkunde ich ein bisschen die Stadt zu Fuß.

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