DONE
Manchester.
Ok. Schluss, aus – Tschüss. Das war’s.
Nicht ganz so schnell! Ich habe ja noch ein bisschen Aufenthalt in Manchester, und vor allem muss ich das Ganze auch noch Revue passieren lassen.
Ein bisschen angeschlagen wache ich am nächsten Morgen in meinem Hotel auf. Ein altehrwürdiges Gebäude – und auch überhaupt nicht übertrieben nach so einer Reise. Wilma hat hoffentlich in ihrer Abstellkammer gut geschlafen, die durfte ich diesmal nämlich nicht mit aufs Zimmer nehmen. Ich war gestern noch schön Medikamente shoppen und habe den Abend in der Badewanne (JA! Luxus!) ausklingen lassen.
Eigentlich geht’s mir auch ganz ok, nur meine Stimme, die hat mich komplett verlassen. Das nächste Mal sollte ich beim Bergauffahren einfach weniger kalte Luft einatmen … Oder im Sommer urlaub machen.
Aber Schluss mit dem Gejammer, das habe ich ja in letzter Zeit ein wenig zu viel betrieben. Aber im Endeffekt – wenn es dazu nützlich ist, dann trotzdem durchzuziehen. Wen stört’s?
Heute wird die Stadt in Slow-Mo erkundet. Was als Erstes bedeutet: FRÜHSTÜCK! Und zwar die grandiosen Cinnamon Twists von Pret-a-Manger. Ich erwähnte schon, dass ich das eventuell zu sehr feiere.
Manchester ist nicht auf den ersten Blick eine schöne, glatte Stadt. Aber es hat Charme. Eine Arbeiter- und Industriestadt, die extrem geprägt ist durch Musik und Subkulturen. Altenglische kleine Häuser mit Pubs befinden sich direkt neben gläsernen Hochhäusern und Klinkerbauten. Ein spezieller Mix. Ich habe anscheinend auch ein Wochenende erwischt, an dem wirklich alles los ist – von Openings über Konzerte, Festivals und eine Demo. Ich find’s genial. Hier ist richtig Leben und eine Vielzahl verschiedener Menschen. Ich stöbere durch die vielen Vintage-Shops, krame in Plattengeschäften und kann jetzt auch wirklich mal was shoppen. Und so verbringe ich den Tag nicht mit klassischem Sightseeing, sondern lasse mich einfach treiben. Das tut gut!
Zwischen dem Treibenlassen hole ich dann auch noch meine Pappbox für Wilma ab. Ein riesiger Dank geht hier an Keep Pedalling und Shona, mit der ich vorher geschrieben hatte und die mir eine Box inklusive Verpackungsmaterial für meine Rückreise zur Verfügung gestellt haben.
Und da ich meine Shoppingaktionen und Stöbereien nicht zu sehr ausdehnen möchte, springe ich gleich zum nächsten Tag – und zum Morgen, an dem ich Wilma aus ihrem Abstellraum hole, um sie in die Box zu packen. Memo an mich: Das nächste Mal nicht nur ein Multitool, sondern vielleicht auch einen größeren Inbus – denn das Pedal will einfach nicht abgehen. Aber das ist das Problem von Zukunfts-Judy.
Alles auseinanderzubauen und in die Kiste zu packen, dauert tatsächlich etwas länger als eine Stunde. Aber irgendwann ist alles gut verstaut und verklebt – und fertig für die Reise.
Diesmal geht es für mich mit dem Flugzeug zurück. Normalerweise bin ich bis jetzt immer mit dem FlixBus zurückgefahren – zum einen, weil es meist unkomplizierter und günstiger war, zum anderen habe ich so erst realisieren können, was für eine Strecke ich da eigentlich zurückgelegt habe. Diesmal ist Fliegen die bessere Wahl. Ich werde später feststellen, dass mir diese Rückreise doch etwas fehlen wird. Es ist komisch: zehn Tage Rad gefahren zu sein – und in zwei Stunden ist man dann wieder daheim.
Mein erster Plan mit dem Zug, dessen Station nur sieben Minuten vom Hotel entfernt ist und der direkt am Terminal hält, scheitert, als ich versuche, das riesige, unhandliche Paket durch das Hotel zu tragen. Mit Karton, Wilma und ein paar Shoppingausbeuten sind es dann doch 28 Kilo. Ich gebe nach und buche mir ein Uber XL, das mich für 15 Minuten Fahrt fast 50 Euro kostet. Naja, was soll’s.
Der Flughafen in Manchester ist auf jeden Fall auch ein Erlebnis. Ich habe das Gefühl, hier reist sonst niemand mit dem Fahrrad oder mit Sperrgepäck – denn einen richtigen Schalter dafür gibt es nicht. Die Trolleys stehen nicht draußen bei den Parkplätzen, sondern erst drinnen neben dem Lift, in den ich auch nur mit Millimeterarbeit passe.
Ein Flughafenmitarbeiter schaut mir schon die ganze Zeit sehr amüsiert zu und rettet mich dann beim Versuch, irgendwie aus diesem Lift wieder rauszukommen. Ich frage ihn, ob er weiß, wohin ich muss – und irgendwie ist das sein Stichwort, voll die Boss-Rolle zu übernehmen. Er rennt mit meinem Trolley und dem riesigen Paket durch die Check-in-Halle und hält alle in Schach. Wir werden von Schalter zu Schalter geschickt, bis er irgendwann keine Lust mehr hat und alle herumkommandiert. Und es funktioniert! Mit seiner Hilfe skippe ich eine Schlange, in der ich sonst locker eine Stunde angestanden hätte. Der Mitarbeiter vom Schalter kommt zu uns, gibt Wilma den Tag, und sie kann endlich eingecheckt werden. Es fühlt sich an wie in einem Comic. Es wird super viel gelacht, und ich könnte nicht glücklicher über die Hilfe des Personals sein. Also: 1000 Sterne für die Menschen am Manchester Airport! Als alles geschafft ist, verabschiedet er sich, läuft lachend und mit einem Kopfschütteln weg und sagt noch:
„Das nächste Mal komm doch einfach mit dem Bus – das würde auch viel schneller gehen.“
Ich lache immer noch, als ich in der Schlange zur Sicherheitskontrolle stehe.
Und da mein Flug – wie fast schon gewohnt – Verspätung hat, habe ich jetzt Zeit, alles nochmal Revue passieren zu lassen.
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Was sagen wir jetzt zu diesem Ausflug?
Würde ich es wieder machen?
Würde ich es anders machen?
Fangen wir mal so an:
Danach kann man natürlich immer sagen, ich hätte dies und jenes anders gemacht. Aber klar – denn danach ist man ja auch immer schlauer, weil man es ja schon gemacht hat.
Also: Nein.
Wenn ich jetzt wieder so eine Tour plane, würde ich es wieder genauso machen. Ich habe die Route vorher ordentlich recherchiert. Ich habe mit verschiedenen Karten versucht, nach bestem Wissen alles so zu planen, dass es passt. Dass nun Wetter, Wind, Öffnungszeiten und anderes dann doch nicht so sind, wie man es plant – das kann immer passieren. Ich habe alles, was ich gepackt hatte, auch gebraucht. Ok – das nächste Mal nehme ich jetzt gleich die Regenjacke mit, bei der ich mir sicher bin, dass sie dicht ist.
Ich werde Wilma wahrscheinlich noch ein paar neue Schlappen spendieren, die mehr Allroad-geeignet sind, um häufiger mal von den breiten Straßen abweichen zu können.
Man hört hier wahrscheinlich schon raus: Ja, ich mache sowas wieder. Definitiv. Auch wenn ich viel gelitten habe, ein paar Mal fast aufgegeben hätte und mich selbst häufig gefragt habe, warum ich nicht einfach einen „normalen Urlaub“ wie „normale Menschen“ machen kann.
Aber was im Nachhinein im Kopf bleibt, ist das Abenteuerliche – und auch ein bisschen Stolz. Auch wenn es schon mit Unterkünften und Route vorgeplant ist, weiß man doch nicht, was einen täglich erwartet. Ich hatte die ganze Zeit eigentlich keine körperlichen Probleme, ein paar Zipperlein sind ok. Ich habe mehrmals meinen Kopf besiegt und meine eigenen Grenzen verschoben. Gesehen, dass es weitergeht, auch wenn es langsam ist. Ich habe zwar ein paar Mal über Zugfahren und Strecken kürzen nachgedacht – aber niemals darüber, alles komplett abzubrechen.
Ob ich wieder allein fahren würde? Auch hier ist die Antwort ganz klar: Ja! Nicht, weil ich es nicht schön fände, so etwas mit jemandem zu teilen. Aber gerade bei längeren (neuen) Touren, bei denen ich nicht weiß, was kommt oder ob ich es überhaupt schaffe, müsste es eine Person sein, mit der man sich 100 % versteht. Es muss klar kommuniziert werden, und jeder muss Kompromisse machen und darf nicht nachtragend sein. Es wird immer dazu kommen, dass es einem schlecht geht, dass Pausen anders benötigt werden beziehungsweise die Bedürfnisse oder der Fokus einfach anders sind. Und ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich habe meinen emotionalen Support immer via Telefon verfügbar – wenn ich mal Rat, Zuspruch oder einfach ein „Judy, jetzt halt die Fresse und fahr weiter“ brauche. Für mich ist das genauso ok. Und ja, man ist sowohl in den schlechten als auch in den glücklichen Momenten allein.
Aber ist es nicht auch irgendwo schön, etwas nur für sich zu haben?

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