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Tag 9 – Von Calais über Dover nach London
Es ist stockdunkel. Klar – ist ja auch erst 4:30 Uhr.
Ich mache mich auf den Weg zum Fährhafen, denn heute geht’s von Calais rüber nach Dover.
Ich habe alles an, was ich dabei habe – und zum ersten Mal brauche ich auch das Licht. Sehr gut, war also doch nicht umsonst mitgeschleppt.
Nach dem gestrigen Tag habe ich extrem gemischte Gefühle.
Gestern war ich fest davon überzeugt: Ich höre auf.
Aber eigentlich... tut mir nichts weh. Ich habe keine körperlichen Probleme.
Nur: Der Kopf war gestern nicht gut – und den braucht man manchmal mehr, als man denkt.
Es ist eben nicht einfach nur „ein bisschen Radfahren“.
Ich finde meinen Weg zum Hafen und checke ein.
Was hier wirklich verrückt ist: Man fährt einfach zusammen mit Autos und LKWs auf die Fähre. Alle sind super rücksichtsvoll, aber zwischen diesen riesigen LKWs zu fahren, fühlt sich doch seltsam an.
Ich bin die Einzige mit dem Rad – und darf als Erste auf die Fähre.
Wilma bekommt ihren eigenen Stellplatz und wird professionell verzurrt.
Ich gehe nach oben und suche mir einen gemütlichen Platz.
Das Meer ist ruhig – es wird eine entspannte Überfahrt.
In Dover darf ich wieder als Erste von Bord – und muss mich erstmal orientieren.
Natürlich verfahre ich mich gleich zweimal.
Einer der Mitarbeiter bringt mich dann persönlich auf den richtigen Weg – mit einem freundlichen Lächeln.
Ich bin mir sicher, das passiert hier nicht zum ersten Mal.
Und dann stehe ich vor den gigantischen Kreidefelsen von Dover, die ich vorhin schon von der Fähre aus gesehen habe.
Jetzt muss ich mich entscheiden.
Ich habe verschiedene Optionen:
Die Strecke kürzen – dann ist sie 35 km kürzer und wahrscheinlich nur halb so schön.
Oder direkt den Zug nehmen?
Oder die Strecke halbieren und später zusteigen?
Eigentlich fühle ich mich heute gut.
Also: Zug fällt aus.
Ich fahre erstmal los.
Nach 2 km dann gleich der erste Anstieg – mit 19 %.
Ich schiebe. Natürlich...
Und die Cleats kann ich danach übrigens auch direkt weg werfen.
Die Strecke ist anspruchsvoll, vorallem mit dem Gepäck – aber wunderschön.
So stellt man sich England einfach vor: Felder, Schafe, kleine Straßen, größere Hügel aka Rampen – und natürlich: Gegenwind. So langsam können wir uns beim Vornamen nennen. Mr.Gegenwind, ich nenne ihn ab jetzt Heinz, führen ja nun doch schon eine längere Beziehung.
Bei Kilometer 55 beschließe ich: Ich fahre.
Zwar die gekürzte Variante – aber ich fahre bis nach London.
Dass die schöne Strecke bald enden wird, merke ich wenig später.
Ab Kilometer 70 geht’s über stark befahrene Bundesstraßen, in jedem Ort stecke ich im Stau.
Stop and Go wird das neue Programm.
Aber jetzt gebe ich nicht mehr auf.
Nach 20 zähen Kilometern mit viel Verkehr und Wind gibt’s endlich wieder richtige Radwege.
Wobei... „richtig“ ist relativ. Einer verläuft direkt neben einer Autobahn. Aber hey – immerhin abgetrennt.
Es geht auch gefühlt die ganze Zeit bergauf.
Am Ende des Tages habe ich 1.100 Höhenmeter auf 128 km gesammelt – mit über 20 kg Gepäck auf Wilma.
Das merkt man schon ordentlich.
Der Rest der Strecke ist eher unspektakulär.
Als ich mich London nähere, wird auch der Verkehr wieder dichter.Ampel, Stau, Geduld. Immer weiter.
Und dann – irgendwann – erkenne ich die Gegend.
Ich nehme den letzten Anstieg. Rolle über Blackheath nach Greenwich.
Und stehe da. Oben. London.
Und in diesem Moment... Gänsehaut.
Und vielleicht ein kleines Tränchen im Augenwinkel.
London.
Das ist doch verrückt.
Ich bin jetzt wirklich mit dem Rad hierher gefahren!

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