SEVEN of 10

Tag 8 – Von Roubaix nach Calais

Heute bin ich irgendwie noch richtig müde. Und das, obwohl ich den Wecker eine Stunde später gestellt habe.
Auf dem Programm: eine chillige Fahrt mit 123 km und knapp 300 Höhenmetern.
Wie chillig das wirklich wird, zeigt sich allerdings erst später.

Erstmal geht’s los – wir rollen aus Roubaix raus, zurück nach Belgien. Man merkt sofort den Unterschied: die Radwege sind wieder deutlich besser.
Der Gegenwind ist allerdings überall gleich mies.

Meine erste Pause mache ich an einem kleinen See, und meine Motivation, weiterzufahren, singt minütlich. Ich sitze in der Sonne und esse meine Waffeln – eigentlich schön. Aber irgendwann muss ich weiter, also raffe ich mich müde wieder auf.


Der Gegenwind ist heute noch schlimmer als an den letzten Tagen – falls das überhaupt geht.
Die Straßen sind auch eher bescheiden, es geht durch landwirtschaftliche Gebiete, vorbei an riesigen Traktoren. Es riecht abwechselnd nach Gülle oder Zitronenmelisse.
Was für eine Kombi.




Heute ist es einfach nur mühsam. Der Wind fegt gnadenlos über die offenen Felder – ungebremst, konstant, zermürbend. Ich fahre einen 18er Schnitt und mein Kopf dröhnt.
Die Motivation sinkt mit jedem Kilometer.




Irgendwann mache ich alle 5 km Minipausen. Es hilft nichts. Ich bin einfach durch.
Ich google nach Zugverbindungen – aber alle wären umständlich oder bringen mich nicht richtig weiter.
Also fahre ich. Weiter.
Meter für Meter.
Immer wieder treten.

Wer sowas schon mal erlebt hat, weiß, wie sehr Gegenwind den Stecker ziehen kann.
Ich bin da eigentlich ziemlich widerstandsfähig – aber nach den letzten Tagen möchte ich einfach mal... rollen.
Nicht kämpfen. Einfach fahren.


Ich bleibe immer wieder stehen, überlege, was ich tun kann.
Okay, heute muss ich irgendwie ankommen.
Aber morgen? Vielleicht wäre abkürzen die klügere Lösung?

Aber ging’s mir nicht genau darum – nach London zu fahren?
Wäre das dann nicht ein Betrug an mir selbst?
Gebe ich auf?

In meinem Kopf dreht sich alles.
Wie schwer es sein kann, sich selbst die Erlaubnis zu geben, etwas abzubrechen oder umzudisponieren.

Ich trete weiter.
Und nach ungefähr 5.000 mentalen Breakdowns komme ich endlich in Calais an.

Das war heute überhaupt nicht schön. 
Ich bin erschöpft – nicht so sehr körperlich, aber mental. Der Kopf ist nicht gut.
Was mache ich jetzt? Fahre ich morgen weiter oder nicht?
Nehme ich den Zug?
Kürze ich die Route?

Ich habe keine Ahnung.

Fakt ist: Ich muss weiter.
Also buche ich erstmal meine Fähre von Calais nach Dover.
Und dann: schlafen.
Vielleicht sieht die Welt morgen schon ganz anders aus.

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