TEN of 10

Tag 13 – Earl Shilton nach Manchester

Der letzte Tag steht an. Es nieselt. Es ist grau und nebelverhangen.


Einen Gedanken an Zugfahren habe ich schon verschwendet... aber ich starte trotzdem – denn auf diese Etappe habe ich mich sehr gefreut. Sie führt durch den Peak District.
Der Peak District ist ein Nationalpark in Zentralengland und laut Wikipedia bekannt für seine malerischen Hügel, Täler und historischen Dörfer.

Aber erst einmal geht’s – wie immer – mit großen Landstraßen los.
Theoretisch hätte man diese Straßen vermeiden können, denn hier gibt es viele Radwege – die sind aber leider mehr fürs Gravel geeignet. Wenn es zu schlimm wird, weiche ich mal aus, aber so richtig Spaß macht das mit Wilma nicht.

Jetzt regnet es in Strömen.
Ich habe meine komplette Regenmontur an. Irgendwie fühle ich mich auch sehr müde, und der Verkehr donnert an mir vorbei.
Ich weiß, ich muss nur ca. 25 km durchhalten, dann wird es schöner. Aber so recht gelingt es mir nicht. Der Regen. Der Lärm. Der schlechte Asphalt.
Das alles führt dazu, dass ich schon bei Kilometer 10 einen feinsten mental breakdown inklusive Heulanfall habe.
Läuft ja wieder spitze heute.


Ich beschließe, zur nächsten Bahnhaltestelle zu fahren und den Zug zu nehmen. Das sind theoretisch noch 15 bis 20 km.
Das bringt doch hier alles nichts...

Als ich in Derby ankomme, hat es aufgehört zu regnen – und vielleicht steigt meine Motivation wieder ein bisschen.
Gut. Also doch.
Wenn das Wetter jetzt so hält, kann das doch noch was werden mit dem Peak District.


Ich fahre weiter.
Rückblickend war das eine sehr gute Entscheidung. Ich hätte mich so geärgert, wenn ich hier aufgehört hätte – denn die Strecke ist wirklich wunderschön.
Manchmal vergesse ich sogar zu treten, weil ich einfach nur schaue.
Kleine Straßen. Ordentliche Anstiege. Schafe, Kühe, kleine Ortschaften.
Häuser, die aussehen wie aus Harry Potter.


Aber diese kleinen, fiesen Anstiege oder besser Rampen, sind mit Gepäck doch echt anstrengend zu fahren.
Die Aussicht macht dann aber wieder alles wett.


Während ich so durch das Tal fahre, treffe ich einen Rennradfahrer, der mich einholt und sagt:
„Ey, dich hab ich schon ein paar Mal in der letzten Stunde kreuzen gesehen!“
Er gibt mir netterweise Windschatten – denn Heinz ist auch wieder am Start.
Wir quatschen ein bisschen, bevor sich unsere Wege nach 30 Minuten trennen.


Er sagt: „Ab Buxton geht’s dann nur noch bergab bis nach Manchester.“
Ich werde ihn noch verfluchen für diese Lüge.!

Denn erst einmal geht’s noch weiter ordentlich bergauf. Heinz will heute nochmal demonstrieren, dass er hier der Boss ist.
Und es wird kalt.
Ich ahne schon, dass mir das später noch auf die Füße fallen wird: erst schwitzen, dann auf den Abfahrten frieren. Es sind gerade mal 12 Grad.
Was für ein Sommer...

Der Dude meinte übrigens, wie warm es heute sei.
Die Briten sind auch einfach anders.

Als ich oben am höchsten Punkt stehe und über die Weiden schaue, bin ich einfach nur so froh, weitergefahren zu sein – und ein bisschen stolz auch.
Ich bin wirklich weit gekommen.
Und auch wenn es manchmal schlimm ist, man sich fragt, warum man sich das antut – dann ist doch nicht alles so schrecklich.


Es ist eine Art Type-2-Fun.
In dem Moment nicht ganz so spaßig, aber im Nachhinein ziemlich nice.
Und anscheinend mag ich das auch ein bisschen.

Jetzt geht’s aber erstmal noch 30 km bis nach Manchester.
Und hätte ich an diesem Punkt gewusst, was noch kommt...
Ich hätte mich, in Buxton, doch in den Zug setzen sollen.
Aber einmal stur, immer stur.

Und so quäle ich mich 20 km unter Schimpfen und wilden Flüchen immer wieder kleine Rampen hoch – und bin extrem genervt vom Straßenverkehr.
Aber so ist es jetzt.
Mein Dickkopf dachte sich: „Das fahre ich jetzt auch noch.“

Langsam merke ich auch, wie ich die Quittung dafür bekomme:
Mein Hals tut weh und ich bin extrem erschöpft.
Das gibt in Manchester erstmal einen schönen Einkauf in der Apotheke.

Irgendwann bin ich dann auch da.
Die letzten Kilometer ziehen sich – wie immer – ganz besonders, egal wie viele es sind.

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Und jetzt kann ich es sagen:
IT’S IN THE BOOKS.
1498 km.
10.261 Höhenmeter.
Mit dem Rad – von Dresden nach Manchester.
Knapp 1500 km gegen den Wind.

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