Brevet600 -Storno - 400km durch den Regen
Audax Randonneurs Allemagne - 600 KM Brevet
Die ganze Woche war schon super stressig. Ich habe irgendwie jeden Tag zwischen 10 und 12 Stunden gearbeitet.
Jetzt ist Freitag und ich stehe am Start des 600-km-Brevets in Leipzig.
Ob ich jetzt schon super müde bin, weil ich natürlich noch bis 15 Uhr gearbeitet habe und dann nur schnell hierhergekommen bin?
Jap …
Es ist jetzt 18:30 Uhr und wie sollte es anders sein: Pünktlich zum Start fängt es an zu regnen.
Das kann ja was werden, denke ich mir und fahre los.
Ich habe schon die ganze Woche kritisch den Wetterbericht verfolgt.
Besser ist es dadurch natürlich nicht geworden.
Es ist wirklich für das gesamte Wochenende Regen und Sturm angesagt.
Was soll's.
Jetzt bin ich hier.
Jetzt wird gefahren.
Und so rolle ich mit 30 weiteren Verrückten in Bennewitz los.
Es geht Richtung Dresden über die ganzen kleinen Ortschaften mit ihren „kleinen“ Wellen und Hügeln.
Bis es dann in Königstein flach wird, haben wir fast 2000 Höhenmeter im Kasten.
Mittlerweile ist es dunkel und regnet nicht mehr. Dafür sind die Straßen extrem nass und jetzt kommt auch noch Nebel dazu.
Ich ziehe mir die Windjacke noch unter die Regenjacke.
Meine Füße sind schon seit Kilometer 10 so nass, dass ich zwischendurch das Wasser aus den Schuhen kippen muss.
Und ja, ich habe gute Überschuhe und noch den Tütentrick innen …
Hat alles nix gebracht.
Durch die Nässe und den Nebel sind die Straßen extrem rutschig.
Das bekomme ich auch zu spüren, als ich plötzlich bremsen muss, um einer Kollision mit einem Fuchs zu entgehen.
Ich rutsche ein Stück, kann mich zum Glück aber noch fangen, ohne zu stürzen.
Vielleicht liegt es aber auch an den 10.000 Schnecken und Würmern, die auf der Straße sind und von denen ich leider ein paar überfahren habe …
Als es Morgen wird, halte ich Ausschau nach einem Schlafplatz.
Aber es ist alles nass und es lässt sich nichts so richtig finden.
Also hangele ich mich weiter von Checkpoint zu Checkpoint.
Trockne zwischendurch ein bisschen an, um dann volle Kanne wieder geduscht zu werden.
Auch die Sonne täuscht immer mal an.
So, dass man sich komplett auszieht, um sich zehn Minuten später wieder komplett anzuziehen.
Es ist ein Auf und Ab der Gefühle.
Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn mittlerweile ist auch mein Mindset richtig angekratzt.
Ich bin müde.
Aber eigentlich bin ich auch schon so drüber, dass ich nicht mehr schlafen kann.
Nicht mal für einen Powernap reicht es.
Bei Kilometer 266 schaffe ich es noch halb trocken bis zur Tankstelle, bevor wieder alles vom Himmel fällt, was geht.
Und ich setze mir eine Deadline:
In Prag, am Checkpoint bei Kilometer 298, also ungefähr Halbzeit, werde ich eine Entscheidung treffen.
Nachdem 20 Minuten lang die Welt untergegangen ist, scheint jetzt wieder die Sonne und ich fahre Richtung Prag.
Der Regen wurde inzwischen von starkem Wind abgelöst und es haut mich mal wieder von links nach rechts.
Wenn es so bleiben würde, wäre ich ja fein damit.
Aber es ist wieder Regen angesagt.
Und Sturm.
Und das die ganze Nacht.
Also treffe ich eine Entscheidung.
Und ja, die tut weh.
Ich wollte diesen Brevet so gern zu Ende fahren.
Aber es soll nicht sein.
Die Voraussetzungen waren schon suboptimal.
Vorermüdet in so eine Fahrt reinzugehen, ist halt auch selten dumm.
Ja, vielleicht wäre es sich ausgegangen, wenn das Wetter besser gewesen wäre.
Dann wäre auch der Kopf besser gewesen.
Und vielleicht und hätte und wenn und aber.
Da wir hier immer noch bei „So ist es“ sind …
Ich höre auf.
Die Entscheidung ist getroffen.
Egal wie ich es rechne: Ich würde nur innerhalb der Zielzeit von 40 Stunden ankommen, wenn ich eine weitere Nacht durchfahre.
Und das schaffe ich nicht.
Oder eher gesagt:
Das möchte ich nicht schaffen.
Meine Reaktion ist sowieso schon nicht mehr bei 100 %.
Ich bin immer noch nicht richtig getrocknet und eine weitere Nacht wäre fahrlässig.
Immerhin muss ich auch Montag wieder auf Arbeit und kann mich nicht einfach krankschreiben lassen.
Zudem geht es nächste Woche mit der Familie nach Frankreich, um mit Papa drei Mal auf den Mont Ventoux zu fahren.
Und das ist mir viel wichtiger, dort fit zu sein.
Also entscheide ich:
Ich fahre noch so lange, bis das Wetter wieder kippt.
Theoretisch müsste ich die 400 km noch schaffen und kann damit auch noch die letzten größeren Anstiege mitnehmen.
Ich informiere unter Gejammer und Geheule meinen Abholservice …
Jap.
Das Glück habe ich, dass mich meine Familie, wenn es passt, überall einsammelt.
Und dafür bin ich sehr dankbar.
Also zusammenreißen jetzt.
Und weiter treten.
Die Strecke ist, nachdem ich wieder aus Prag raus bin, auch echt schön.
Nur die Straßen …
Ach ja …
Ich liebe diese tschechischen Rüttelpisten.
Theoretisch ist es Asphalt.
Zumindest irgendwann mal gewesen.
Praktisch ist es einfach nur eine Lochflickerei, die einen richtig durchschüttelt.
Vor allem bergauf macht das so richtig Spaß.
Aber ich merke:
Die Beine sind eigentlich gut.
Die Anstiege machen mir gar nichts aus und ich könnte rein von der Form her definitiv weiterfahren.
Das beruhigt mich sehr.
Bei 401 Kilometern und 4143 Höhenmetern ist dann aber trotzdem Schluss für mich.
Ich steige vom Rad und wir verstauen alles im Auto.
Ich habe die Autotür kaum richtig geschlossen und schon prasselt es wieder vom Himmel.
Danke geht hier raus an die Menschen, mit denen ich auf der Strecke war, die ein paar Kilometer mit mir geteilt und immer wieder versucht haben, mich zu motivieren.
Ein Chapeau geht raus an die Maschinen, die es zu Ende gefahren sind.
Und überhaupt an alle, die gestartet sind.
Leute …
Das muss man auch erstmal machen bei so einem Dreckswetter!
Aber leider habe ich da jetzt auch noch eine Rechnung offen.

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