Les Cinglés du Mont Ventoux
Les Cinglés du Mont Ventoux
Noch eine Woche bis Frankreich und ich renne durch die Wohnung, räume alles von A nach B, packe ein und packe wieder aus und stelle mir die Frage:
Habe ich mich da übernommen? Kann ich das überhaupt schaffen? Ich meine, ich bin jetzt nicht so die Bergziege … Papa sieht das Ganze entspannter. Schließlich hat er die drei Auffahrten zum Mont Ventoux schon vor fünf Jahren bezwungen und ist sowieso schon offiziell im Club der Verrückten. Für dieses Jahr hat er sich zu seinem 75. Geburtstag gewünscht, das Ganze mit mir zu machen.
Na ja, was soll ich sagen … Ich kann ihm den Wunsch schlecht ausschlagen.
Aber erstmal zur Erklärung: Der Club der Verrückten – Les Cinglés du Mont Ventoux – ist eine Challenge, die es seit 1988 gibt. Man fährt alle drei asphaltierten Auffahrten an einem Tag. Das sind je Anstieg ungefähr 21 km mit rund 1600 Höhenmetern. Macht also insgesamt etwa 66 km mit rund 4400 Höhenmetern. Der Rest sind zum Glück Abfahrten. In jedem Ort am Fuß des Mont Ventoux – Bédoin, Malaucène und Sault – sowie auf dem Gipfel bekommt man einen Stempel in sein Heft. Das schickt man später ein und bekommt sein Abzeichen.
Und schon ist die Woche vorbei. Das Auto gepackt, die Räder verstaut und wir auf der Autobahn Richtung Frankreich. Hat leider auch nur drei Stunden gehalten, bevor ich die Warnwesten und das Warndreieck ausgepackt habe. Der Hinterreifen hatte anscheinend keine Lust auf Urlaub. Zum Glück konnte der ADAC das relativ schnell richten und wir konnten mit etwas Verspätung weiterfahren.
Eigentlich wussten wir es schon die ganze Zeit, aber in Frankreich wird es uns dann richtig bewusst: Das wird eine ziemlich schweißtreibende Aktion. Temperaturen zwischen 30 und 40 Grad sind angesagt. Aber ja … schauen wir mal. Die erste Testfahrt über den Col de la Madeleine hat schon gut funktioniert. Die Wärme ist tatsächlich aushaltbar. Trotzdem steht fest: Wir starten bei Sonnenaufgang.
Um 5:15 Uhr stehen wir vor der Tür. Es wird langsam hell und wir rollen aus Bédoin los. Niemand ist unterwegs, alles ist ruhig und die Wolken sind rosa. Fast schon ein bisschen romantisch … wenn es nicht auch direkt mit der Steigung beginnen würde. Noch ist es angenehm mit ungefähr 24 Grad. Ins Schwitzen kommt man trotzdem. Die Beine fühlen sich gut an. Aber ist ja auch erst die erste Auffahrt. Am Chalet Reynard machen wir eine Pause zum Flaschenauffüllen. Noch ist hier alles geschlossen. Weiter geht's auf die letzten sechs Kilometer bis zum Gipfel. Kurz nach dem Chalet wird der Blick das erste Mal auf den Gipfel und das Observatorium freigegeben. Schon beeindruckend. Die Aussicht mittlerweile sowieso. Vorbei am Denkmal von Tom Simpson und hinauf bis zum Gipfelschild, das man leider mittlerweile vor lauter Aufklebern kaum noch lesen kann.
Das erste Mal ist im Kasten.
Wir genießen kurz die Aussicht, machen ein Beweisbild und tragen unsere Zeit in den Pass ein. Den Stempel holen wir später, denn der kleine Laden hat noch nicht geöffnet. Ab geht's in die Abfahrt nach Malaucène und schon da merken wir: Es wird warm. Verdammt warm. Papa muss ein paar Stopps einlegen, denn die Felgen glühen und das Ventil hat sich ein wenig verzogen. Also geht es relativ langsam ins Tal. Dort angekommen holen wir uns unseren Stempel, füllen die Flaschen wieder auf und snacken etwas. Lange halten wir uns hier nicht auf, denn der zweite Anstieg wartet.
Das erste Stück rollt ganz gut, aber irgendwann kommen die steilen Rampen. Natürlich in der prallen Sonne und natürlich ohne jegliche Luftzirkulation.
12 %, 14 %, 16 % und schwupps ist Papa weg. Ich komme so schnell nicht hinterher und muss erstmal im Schatten verschnaufen. Das Thermometer zeigt 35 Grad, anfühlen tut es sich allerdings eher wie Backofen – nur ohne Umluft. Zum Glück bekommt Papa irgendwann mit, dass er mich einfach eiskalt gedroppt hat.
Nachdem ich mental wieder aufgebaut wurde, geht es weiter und wir schaffen es bis zum Chalet Liotard. Endlich wieder Wasser. Ich war kurz vorm Verdursten. Ab dort werden auch die Temperaturen wieder erträglicher und die Beine funktionieren plötzlich wieder ziemlich gut. Fast fliegen wir den letzten Abschnitt Richtung Gipfel. Und da ist er. Der zweite Anstieg ist geschafft. Wir holen uns unseren Stempel und machen natürlich noch ein Beweisbild.
Diesmal sogar mit dem Rest der Familie. Die sind in der Zwischenzeit nämlich auch einmal hochgefahren. Gemeinsam fahren wir ein Stück hinunter und stärken uns im Chalet Reynard. Danach geht es weiter Richtung Sault. Diese Seite ist die entspannteste. Etwas länger, aber deutlich moderater. Als wir runterfahren, wird es dann allerdings richtig warm. 44 Grad. Es fühlt sich an, als hätte jetzt jemand die Umluft im Backofen angeschaltet. Mir graut vor dem letzten Anstieg.
Wir holen unseren letzten Stempel in Sault und gönnen uns erstmal eine Cola, bevor es direkt weitergeht. Das Mittagstief kickt jetzt auch so richtig und obwohl der Anstieg gar nicht schwer ist, zieht er sich einfach endlos. Zum Glück geht es größtenteils durch den Wald. Es ist immer noch unglaublich warm, aber irgendwie aushaltbar. Und je höher wir kommen, desto besser wird es. Oder liegt es einfach daran, dass man weiß, bald ist es geschafft? So oder so. Ab dem Chalet Reynard läuft es wieder. Die letzten sechs Kilometer. Diesmal mit Gegenwind. Und ich bin ehrlich: Ich habe mich ein bisschen darüber gefreut. Ja, es ist anstrengend, aber es kühlt auch ein bisschen. Auf den letzten Metern werden wir sogar noch von Motorrad- und Autofahrern angefeuert und dann sind wir oben. Wahnsinn. Drei Mal.
Und ich muss zugeben: Ich habe weniger gelitten, als ich dachte. Ja, es war anstrengend. Ja, ich war zwischendurch mal etwas demotiviert. Und ja, im letzten Anstieg hatte ich auch einfach mal keinen Bock mehr. Aber die Aussicht, die Erfahrung und der Stolz überwiegen einfach. Und natürlich, das alles mit meinem Papa teilen zu dürfen. Genau deshalb war diese Tour so besonders.
Und vielleicht … gibt es ja irgendwann noch mal eine Wiederholung.

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